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Der Antarktische Zirkumpolarstrom – kurz ACC – ist so etwas wie der unsichtbare Puls der Erde. Kaum jemand sieht ihn, noch weniger verstehen ihn wirklich. Und doch hängt ein Großteil unseres globalen Klimasystems genau von diesem riesigen Strömungssystem ab, das unermüdlich Wasser rund um die Antarktis pumpt. Jetzt schlagen Wissenschaftler Alarm: Der ACC könnte bis 2050 um ein Fünftel langsamer werden – sofern der Ausstoß von Treibhausgasen weiter auf hohem Niveau bleibt. Klingt technisch? Die Folgen wären greifbar – und gewaltig.

Der stille Riese unter den Meeresströmungen

Der ACC ist nicht einfach irgendeine Strömung. Er ist die größte Meeresströmung der Erde – gewissermaßen der Ozean-Express rund um den Südpol. Seine gewaltige Kraft transportiert mehr Wasser, als alle Flüsse der Welt zusammen. Dabei verbindet er die drei großen Ozeane: Atlantik, Pazifik und Indik. Ohne diesen Strömungsgiganten gäbe es keine gleichmäßige Wärmeverteilung zwischen Süd und Nord, kein stabiles Klimamuster auf der Südhalbkugel und auch kein verlässliches Ökosystem in den Tiefen der Ozeane.

Doch der Motor kommt ins Stottern. Was ist los?

Süßwasserflut: Ein neuer Treibstoff – aber der falsche

Das Problem beginnt ganz oben – im Eis der Antarktis. Während sich der Planet weiter aufheizt, schmilzt das Eis auf dem weißen Kontinent in besorgniserregendem Tempo. Was passiert dann? Unmengen an Süßwasser fließen in den Südlichen Ozean. Süßwasser ist leichter als Salzwasser – das verändert die Dichteverhältnisse, auf denen die Strömung beruht. Weniger Dichteunterschiede, weniger Antrieb – der ACC wird langsamer.

Und das ist keine rein akademische Erkenntnis.

Was bedeutet das für uns?

Eine verlangsamte Zirkulation bringt warmes Wasser näher an das antarktische Festland. Dort treffen diese wärmeren Wassermassen auf die riesigen Eisschelfe, die bisher relativ stabil waren. Die Folge? Sie schmelzen schneller. Das führt nicht nur zu einem stärkeren Meeresspiegelanstieg – auch die Lebensräume unzähliger mariner Arten stehen auf dem Spiel. Manche Krillarten etwa, die am Anfang der antarktischen Nahrungskette stehen, reagieren empfindlich auf Temperaturschwankungen. Und was passiert, wenn das Fundament wankt? Richtig – das ganze System wird instabil.

Hinzu kommt: Der ACC ist auch ein riesiger Kohlenstoffspeicher. Wenn er schwächelt, kann der Ozean weniger CO₂ aufnehmen. Die Atmosphäre bleibt wärmer. Ein Teufelskreis – und der dreht sich immer schneller.

Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn…

Stell dir vor, der ACC würde nicht 20 % langsamer – sondern 40 %. Das klingt weit hergeholt, doch Klimamodelle zeigen, dass solche Szenarien realistisch sind, wenn die Emissionen weiter steigen. Würden dann bestimmte Kipppunkte im Klimasystem überschritten? Und wären sie überhaupt noch rückgängig zu machen?

Die Vorstellung ist nicht nur bedrückend – sie ist erschreckend realistisch.

Wir müssen reden – und zwar dringend

Die Verlangsamung des ACC ist mehr als nur eine Zahl in einem Forschungsbericht. Sie zeigt, wie sensibel unser Planet auf das reagiert, was wir ihm antun. Während in Talkshows darüber gestritten wird, ob Klimaschutz „bezahlbar“ ist, verändert sich im Süden unseres Planeten eine der grundlegendsten Strukturen des globalen Klimas. Und das – völlig lautlos.

Wäre es nicht an der Zeit, weniger zu reden und mehr zu handeln?

Hoffnung in Sicht?

Natürlich. Und zwar in Form von Wissen, Technologie – und dem menschlichen Willen zur Veränderung. Wir wissen heute mehr über das Verhalten der Meere als je zuvor. Die Kombination aus Satellitenbeobachtungen, autonomen Unterwasserfahrzeugen und komplexen Klimamodellen ermöglicht es uns, Entwicklungen wie die Verlangsamung des ACC frühzeitig zu erkennen.

Doch Erkenntnis allein reicht nicht.

Was fehlt, ist der politische Mut, daraus Konsequenzen zu ziehen – und zwar sofort. Weniger Emissionen, mehr Schutzgebiete, gezielte Forschung – das ist kein Wunschzettel an den Weihnachtsmann, sondern ein Notfallplan für unseren Planeten.

Der ACC als Symbol

Vielleicht ist es gerade dieser verborgene Strom, der uns etwas beibringen kann. Nicht alles, was wirkt, ist sichtbar. Nicht jede Veränderung geschieht mit einem großen Knall. Oft sind es leise Prozesse – wie das langsame Versiegen einer Strömung – die den größten Einfluss haben.

Und vielleicht – nur vielleicht – ist der ACC auch ein Symbol. Ein stiller Mahner inmitten eines tosenden Weltgeschehens. Einer, der uns zeigt, dass wir nicht endlos so weitermachen können.

Von Andreas M. Brucker